Mainz Chess Classic 2007

Turnierbericht von Wladi

mcc20070002_JPG mcc20070001_JPG mcc20070035_JPG mcc20070031_JPG mcc20070030_JPG mcc20070029_JPG mcc20070028_JPG mcc20070027_JPG mcc20070025_JPG mcc20070023_JPG mcc20070021_JPG mcc20070020_JPG mcc20070019_JPG mcc20070015_JPG mcc20070014_JPG mcc20070013_JPG mcc20070012_JPG mcc20070010_JPG Am 18. und 19. August fand in der Mainzer Rheingoldhalle das jährliche Ordix Open statt. Dieses Schnellschach Open ist eines der bestbesetzten Turniere der Welt und konnte seinem Ruf auch dieses Jahr alle Ehre machen: mit fast 200 Titelträgern (davon 62 GM!) , einem Top 10 ELO–Schnitt von 2714 und der Rekordteilnehmerzahl von 762 Spielern, versprach es wieder ein Ereignis der Superlative zu werden, bei dem natürlich auch Gambit 89 nicht fehlen durfte. Von unserer Seite ging folgendes Team ins Rennen: unser Fahrer und Fotograf Andi Hauer, Altmeister Harald Wagner, fast die gesamte Jugendabteilung von Gambit (im Einzelnen also Felix und ich) und nicht zu vergessen emotionales Rückgrat und Motivator unserer Truppe Axel („Man kann mit euch so gut reden!“).
Mehr als rechtzeitig in Mainz angekommen, hatten wir genügend Zeit, uns ein Bild vom Spielort zu machen, der mit saarländischen Maßstäben gar nicht zu vergleichen ist. Neben der Tatsache, dass man alle paar Meter Anand und anderen Berühmtheiten über den Weg lief, war es vor allem auch die Ausstattung, die Eindruck machte. An einer riesigen Leinwand im Turniersaal selbst und an zahlreichen Fernsehern in den Vorräumen konnten die Spitzenbretter live mitverfolgt werden. Analysen und Livekommentar gabs von anderen SuperGMs über Kopfhörer gratis dazu. Darüber hinaus waren auch zahlreiche Leute von der Presse (Klaus Lais haben wir auch getroffen) anwesend sowie eine ganze Menge Zuschauer, die sich das Ereignis nicht entgehen lassen wollten.
Viel Zeit zum Entspannen blieb uns allerdings nicht, denn nachdem um Punkt 12 das erste Spiel begonnen hatte, wurden ohne größere Unterbrechungen die ersten fünf von elf Runden durchgespielt; was bei der Größe des Turniers auch stressig sein konnte (man finde bei dem Gewusel in einem solchen Turniersaal auf die Schnelle mal Brett 257… ).
Gewöhnungsbedürftig war vor allem der Modus des Turniers; nämlich 20 Minuten Gesamtzeit mit zusätzlichen 5 Sekunden pro Zug . Obwohl eine einzelne Partie sich da bis zu einer Stunde hinziehen konnte, ging die Bedenkzeit doch überraschend schnell rum, was für mich zu einigen unerwarteten Zeitnotpartien führte. Aber auch Felix und Andi kamen im ein oder anderen Spiel nur mäßig mit der Zeit zurecht.
Besonders ärgerlich war da eine Niederlage Andis, bei der er sich in für ihn klar besserer Stellung (Turm und Läufer mehr…) auf die 5 Zusatzsekunden pro Zug verließ. Doch erst in den letzten 20 Sekunden merkte er, dass die Uhr falsch gestellt war und statt den erwarteten 5 Sekunden pro Zug bekam er gar keinen Zuschlag (sie hatten also versehentlich eine gewöhnliche 20 Minuten Partie gespielt). Statt nun die Uhr anzuhalten und es beim Schiedsrichter zu reklamieren, spielte Andi übernächtigt (nur 2 Stunden Schlaf und entsprechend lahme Gehirnrindenreflexe) weiter, wie er später selber sagte “in der extrem irrationalen Hoffnung die 5 Sekunden würden vielleicht beim nächsten oder übernächsten Zug dazugerechnet“.
Neben Zeitproblemen war es auch so, dass die Durchschnitts-Elo aller Teilnehmer etwa bei 2065 lag und wir alle (mit Ausnahme von Harald, der hatte in den ersten Begegnungen leichtes Spiel) raufgelost wurden, was eine eher magere Ausbeute am ersten Tag zur Folge hatte; denn in einem solchen Turnier war es nicht unwahrscheinlich, auch nach drei oder vier anfänglichen Niederlagen gegen einen 2200er zu spielen.
Dabei fehlte in manchen Spielen einfach auch die nötige Portion Glück, wie zum Beispiel in einem von Felix‘ ersten Spielen, in dem er für langfristigen Königsangriff eine Figur opferte, dann aber trotz vielversprechender Stellung nicht weiterkam und in Zeitnot einzügig eine Figur einstellte.
Ich für meinen Teil hatte am ersten Tag in vielen Stellungen frei nach dem “du hast nichts zu verlieren”-Prinzip die Stellung überzogen und in drei von fünf Spielen (!!) ein zu leichtfertiges Figurenopfer ausprobiert; mit entsprechenden Folgen … Gewinnen konnte ich in Runde vier genauso gegen einen Elo-schwächeren und in einer interessanten fünften Runde gegen meinen bisher stärksten Gegner (Elo 2250) nach fast einer Stunde Spielzeit in einem Spiel mit beidseitigen Chancen ein Remis behaupten.
Am zweiten Tag spielte ich dann wesentlich sicherer (und versuchte vor allem keine Opfer mehr), was mit zwei Remisen gegen Spieler mit etwa 2100 Elo und einem Sieg gegen einen 1400er belohnt wurde. So kam ich nach Tag eins auf 1,5 und am Ende auf insgesamt 3,5 Punkte und bin, auch wenn sich dreieinhalb aus elf nicht toll anhört, mit meiner Leistung auf dem Turnier ganz zufrieden.
Obwohl Axel während des gesamten Opens keinen einzigen Gegner unter 2000 Elo erwischt hatte, konnte er sich gut behaupten und hatte so manchem Spieler einen Strich durch die Rechnung gezogen. Mehr als einmal hatte Axel dabei versöhnlich in besserer Stellung Remis angeboten, nur um auf Ablehnen seines Gegners hin doch noch zu gewinnen. Lange Zeit spekulierte Axel, optimistisch wie er nun mal ist, auf einen Ratingpreis (Elo < 1750) welcher ihm immerhin 300 Euro eingebracht hätte. Nach den 2 Punkten am ersten Tag wäre es auch nicht unrealistisch gewesen, doch leider schienen sich zahlreiche Leute noch vor ihm durchgesetzt zu haben. Am Ende gelangte er mit 4 Punkten immerhin an Platz 602 und konnte so an die 60 Plätze gegenüber der Setzliste gutmachen.
Andy hatte es anfangs wirklich nicht leicht, denn nach einem Start von 1,5 aus 5 und zahlreichen verpassten Chancen (vor allem der mangelnden Geistesgegenwart bei der Geschichte mit der Uhr: siehe oben) musste er gleich zu Beginn des zweiten Tages zusehen, wie ein trügerischer Eloloser ihn mit einem lettischen Gambit zertrümmerte. Nachdem er dann nach acht Runden gerademal 2,5 Punkte hatte, raffte er sich zusammen und schaffte spektakulär in den letzten drei noch einmal genauso viel, sodass er mit 5 Punkten auf Platz 514 landete.
Felix fehlte, wie oben bereits erwähnt, gegen manchen Gegner einfach noch (wie Paolo sagen würde) der Killerzug; denn in vielen Partien wäre einfach mehr drin gewesen. Aber immerhin konnte er neben den klaren Siegen (800/1200/1400 Gegner-Elo) noch ein gut herausgespieltes Remis (1800 Elo) vorweisen.
Harald Wagner schaffte nach einem guten Start (drei aus fünf am ersten Tag) am Ende nur 5 Punkte, überraschte uns alle aber mit seiner einfallsreichen Spielart. Ich kann jedem nur empfehlen, sein Spiel gegen einen GM nachzuspielen, der sich wohl nicht schlecht gewundert hat als Harald erst eine Leichtfigur und dann einen Turm opfert und in den spektakulären sich daraus entwickelnden Verwicklungen alles richtig macht um schließlich die Figuren zurückzubekommen und in ein gewonnenes Endspiel mit Mehrläufer abzuwickeln nur um dann (bei über sieben Minuten auf der Uhr) unnötigerweise in eine Remisfalle zu laufen… Lasst es euch unbedingt zeigen, es lohnt sich.
Obwohl der Gambit dann überraschenderweise doch keinen Preis abräumen konnte, waren wir guter Dinge, denn am Abend stand ja unmittelbar nach dem Turnier der Grenke Leasing Rapid Chess World Championship auf dem Programm. Im Finale um den Titel des Schnellschachweltmeisters standen sich Aronian und Anand gegenüber. Die Partien (vier wurden insgesamt gespielt) waren wirklich interessant mit anzusehen (besonders mit Live-Kommentar anderer Großmeister), auch wenn diese nicht so risikobereit waren wie Bacrot und Kasimzhanow, die den dritten Platz unter sich ausmachen sollten. Besonders das Doppelläuferopfer im dritten Spiel führte zu einer brisanten Partie, in der Bacrot am Ende mit einem Turm gegen zwei Springer noch das Remis halten konnte. Die beiden Kontrahenten trennten sich an dem Abend mit einem 2 zu 2 (und teilten sich damit den dritten Platz). Anand konnte nach drei anfänglichen Remis im letzten Spiel nochmal entscheidend zuschlagen und ist mit einem Sieg in der letzten Runde nun Schnellschachweltmeister.
Ich fand es in jedem Fall eine interessante Erfahrung, mal an einem internationalen Turnier dieser Größenordnung teilzunehmen und kann es fürs nächste Jahr wärmstens weiterempfehlen. Wer will sich denn nicht auch einmal mit Anand fotografieren lassen?  Wladimir Panfilenko

 

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